Alten früher und gezielter helfen

Aus Japan bringt Torsten Nyhsen vom SKM Aachen interessante Erkenntnisse für das Pflegewesen mit

Torsten Nyhsen in Japan (c) privat
Torsten Nyhsen in Japan
Fr 25. Okt 2013
„In Japan gibt es eine tief verwurzelte Hilfsbereitschaft“, sagt Torsten Nyhsen nach einer einwöchigen Reise nach Japan. Mit Hilfsbereitschaft und Hilfsbedürftigkeit kennt er sich aus – als Geschäftsführer des SKM, katholischer Verein für soziale Dienste, in Aachen, der zwei Seniorenheime betreibt.

Der Kontakt zu Japan kam über die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen, zustande. Liane Schirra-Weirich, Professorin für Soziologie im Fach-bereich Sozialwesen, steht in engem Kontakt mit Professor Hiromitsu Mihara der Universität in Hiroshima. Gegenseitige Besuche und Besichtigungen sozialer Einrichtungen hier und dort sind fester Bestandteil der Kooperation.

 

Die Japaner gehen positiv an die Aufgaben heran

Im Sommer bekam auch Nyhsen Gelegenheit, sich in dem asiatischen Inselstaat umzuschauen und das soziale System des reichen Landes kennenzulernen. Immer ist ihm eines aufgefallen: „In Japan sind die Menschen stolz auf das, was sie geschafft haben.“ Von der positiven Herangehensweise der Japaner fühlt sich Nyhsen inspiriert: „Auch in Deutschland haben wir im sozialen Bereich viel erreicht. Mit einer positiven Grundhaltung kann man weitere Verbesserungen anstreben.“ Immerhin kann Deutschland als nur eines von vier Industrieländern auf eine Pflegeversicherung bauen, die es zumindest bisher geschafft hat, den Status Quo zu wahren.

Die deutsche Variante hat man sich auch in Japan zum Vorbild genommen, als die demographische Entwicklung des Landes – ähnliche Altersverteilung wie in Deutschland, gleichzeitig eine höhere Lebenserwartung und eine größere Zahl von Hochaltrigen – das Nachdenken über die Versorgung von Alten beschleunigte. Für die Diskussionen in Deutschland über eine Pflegereform hat Nyhsen japanische Anregungen mitgebracht: „In Japan gibt es sieben sehr differenzierte Pflegestufen, die nicht nur körperliche, sondern auch geistige Beeinträchtigungen berücksichtigen.“

 

„Caremanager“ begleiten die Menschen von A bis Z

Zudem werden so genannte Caremanager aktiv, wenn an irgendeiner Stelle bekannt wird, dass ein alter Mensch allein nicht mehr zurechtkommt. „Der Caremanager ist bei der Kommune angesiedelt, arbeitet aufsuchend und begleitet die Menschen von der Antragstellung bis zur Installierung der individuell angepassten Pflegestruktur“, berichtet Nyhsen. „So bekommen die Alten in Japan viel früher Hilfen, die gleichzeitig stärker stabilisierend wirken können.“

In Deutschland sind dagegen Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen selbst dafür verantwortlich, sich Beratung und Hilfe zu holen. Die grundsätzlich sozial ausgerichtete Form der Versorgung in Deutschland – wer selbst nicht zahlen kann, bekommt Unterstützung vom Staat – lässt dagegen die japanischen Fachkräfte des Sozial- und Gesundheitswesens aufhorchen. „In Japan muss jeder in stationärer Unterbringung zehn Prozent Eigenanteil aufbringen. Wer sich das leisten kann, wird sehr gut versorgt.“ Trotzdem werden in japanischen Altenheimen Wartelisten von mehreren hundert Interessenten geführt. „Es gibt viel zu wenige Plätze. Auch in Japan ist also zu wenig Geld im System.“ Für die weitere gegenseitige Befruchtung macht Nyhsen ein spannendes Angebot: „Ich würde unsere Häuser gern als Praxiseinrichtung für japanische Studenten in Deutschland zur Verfügung stellen. Der Blick über den Tellerrand ist immer ein Mehrwert.“