Ein Einsatz, der keine Routine kennt

Verbände suchen verantwortungsbereite ehrenamtliche Vormünder

Fr 5. Sep 2014
Die Geschicke eines Kindes oder Jugendlichen begleiten – das tun Vormünder, wenn Eltern dies nicht können.

Von Rauke Xenia Bornefeld

Die Geschicke eines Kindes oder Jugendlichen begleiten – das tun Vormünder, wenn Eltern dies nicht können. Die in der Aachener Jugendhilfe tätigen Verbände Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), Katholischer Verein für Soziale Dienste (SKM) und Arbeiterwohlfahrt (AWO) wollen dafür jetzt wieder vermehrt Ehrenamtliche gewinnen. Im Oktober startet die erste Schulung.

Wenn der lange Weg eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings in Aachen endet, bestellt das Gericht für ihn oder sie einen
Vormund. Ähnliches passiert, wenn Eltern die elterliche Sorge teilweise oder ganz entzogen wird. Fortan bis zur Volljährigkeit des Mündels muss der Vormund des Kindes oder des Jugendlichen entscheiden, unterschreiben, helfen. 521 Vormundschaften führt die Stadt in der Statistik (Stand August). Allerdings verändert sich diese Zahl permanent. Besonders weil nahezu täglich Flüchtlinge
in Aachen aufgegriffen werden, die noch jugendlich sind. Allein die Stadt Aachen führt 157 Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dazu kommen noch etliche Aufträge, die an die Verbände weitergegeben wurden.

Auch Ute Leroy und Britta Jagdfeld haben den Schrank voller Aktenordner. Die beiden sind zusammen mit einer weiteren Kollegin beim SkF für die Vormundschaften zuständig. Sie sind Profis, die sich in Bürokratiefragen gut auskennen, die gut beraten können. Die ihre Zeit aber auch unter vielen Kindern und Jugendlichen aufteilen müssen. Bis zu 50 Mündel betreut eine Vollzeitkraft zurzeit. „Ein ehrenamtlicher Vormund hat mehr Zeit für den Beziehungsaufbau zu seinem Mündel“, nennt Leroy einen deutlichen Vorteil des
Ehrenamtes in diesem Bereich. Auch deshalb sieht der Gesetzgeber einen Vorrang vom Ehrenamt vor Amts- und  Vereinsvormundschaften vor.

In Aachen wurde diese Vorgabe in den vergangenen Jahrzehnten allerdings eher vernachlässigt. Die Werbetrommel wurde nicht gerührt, auch das Ausbildungs- und Unterstützungsangebot fehlte. Das soll sich nun ändern: Im Oktober beginnt ein Ausbildungskurs für interessierte Ehrenamtliche. In sieben Modulen sollen die Männer und Frauen abends und samstags auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. „Zukünftig wollen wir pro Jahr zwei Kurse anbieten“, erklärt Jagdfeld. Erste Informationen gibt es am 18. September ab 18 Uhr beim SkF (siehe Info-Kasten).

Man könnte den Verdacht haben, dass sich die Verbände und auch die Stadt von  dieser Rückbesinnung hauptsächlich finanzielle Einsparungen und Entlastung erhoffen. Aber: „Es geht nicht darum, Geld zu sparen“, betont Leroy. „Frei werdende  Personalkapazität stecken wir in die Ausbildung und Begleitung der Ehrenamtlichen.“  Das scheint auch nötig, denn Angst vor Behörden und Amtsvorgängen sollte kein Ehrenamtlicher in diesem Bereich haben.

Jagdfeld sieht darin allerdings auch einen Reiz: „Das Themenspektrum, mit dem sich ein Vormund beschäftigt, ist breit gefächert.
Er entscheidet über Finanzen, Gesundheitsfürsorge und Ausbildung des Mündels, arbeitet mit verschiedenen Ämtern und Institutionen zusammen. Das ist eine große Verantwortung, man kann aber auch viel erreichen.“

Das notwendige Wissen und noch mehr bekommen die Ehrenamtlichen in der Schulung vermittelt. Da geht es genauso um Rechte und Pflichten des Vormunds wie um Gesprächsführung und Trauma-Arbeit. Mit Maria im Tann besuchen die zukünftigen Vormünder außerdem eine Einrichtung, in der Mündel untergebracht sind.

Verlässlich eine Konstante im Leben des Mündels sein

Mitarbeiter des Café Zuflucht – eine Anlaufstelle für Flüchtlinge – informieren über die besonderen Aspekte der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. „Aber auch nach der Verteilung der Zertifikate sind wir jederzeit ansprechbar“, versichert Leroy. „Auch wollen wir mittelfristig regelmäßige Austauschtreffen der ehrenamtlichen Vormünder und auch thematische Abende organisieren.“

Besonders Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge können von viel positivem Erleben bestimmt sein. „Es ist toll zu sehen, wie schnell sie Deutsch lernen, wie motiviert sie sind, sich zurecht zu finden und zu integrieren. Es ist eine gute Erfahrung, dabei zu helfen“, findet Leroy. Gerade ehrenamtliche Vormünder könnten oft eine Beziehung zu den in der Regel jungen Männern aufbauen, die von einer starken Vertrauensbasis geprägt sei. „So lernt man nicht nur eine andere Kultur hautnah kennen, man kann eine Vertrautheit erleben, die nicht selbstverständlich ist – gerade angesichts der Gewalterfahrungen, die minderjährige Flüchtlinge oft gemacht haben.“

Mitbringen sollten Interessierte vor allem die Möglichkeit und den Willen, eine Konstante im Leben des Mündels zu sein. Mal erfordert es mehr Zeit – zum Beispiel wenn Gerichtstermine im Asylverfahren anstehen. Mal ist es weniger. Mal braucht es mehr Durchsetzungskraft – zum Beispiel wenn ein Heim- oder Schulplatz gebraucht wird. Mal beschränkt es sich auf die Unterschrift für die Klassenfahrt. Mal muss man viel Einfühlungsvermögen mitbringen – zum Beispiel wenn Familiennachrichten das Mündel aus der Bahn werfen. Mal wird man mit einem exotischen Essen empfangen.

Die Facetten dieses Ehrenamtes sind sicher nicht von Routine geprägt. Ganz sicher aber von wertvollen Erfahrungen.

 

Info
Die Verbände SKF, SKM und AWO informieren am Donnerstag, 18. September von 18 bis 20 Uhr, in den Räumen des SKF, Wilhelmstraße 22, alle Interessierten über die Aufgaben, Rechte und Pflichten eines ehrenamtlichen Vormundes. Um Anmeldung
wird gebeten: Tel. 02 41/47 04 50 oder info@skf-aachen.de .