Ein Gewinn für beide Seiten

Familienpaten-Projekte entwickeln sich im Bistum Aachen zu Erfolgsmodellen – die Nachfrage ist groß

Familienpatenschaften (c) Garnet Manecke
Familienpatenschaften
Mi 19. Aug 2015
Es sind nicht immer die großen Katastrophen, die dazu führen, dass eine Familie Unterstützung braucht. Berufstätige Eltern, kranke Geschwister oder einfach ein Umzug in eine neue Stadt können dazu führen, dass Hilfe nötig wird. Im Bistum Aachen helfen dann Familienpaten.

Nancy ist vor drei Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern nach Mönchengladbach gekommen. Die heute Elfjährige sprach damals kein Deutsch, alle sahen anders aus und es roch auch ganz anders, als sie es aus Vietnam kannte. Ihre Eltern begannen, für ihre Kinder und sich ein neues Leben aufzubauen. In dieser Situation trat Lorin in Nancys Leben. Die 23-Jährige ist Familienpatin und kümmert sich um das Mädchen. „Ich bin selbst im Alter von fünf Jahren mit meinen Eltern und Geschwistern aus Syrien nach Deutschland gekommen“, erzählt Lorin Ismail. „Wir haben in einem Übergangswohnheim gewohnt, und eines Tages klopfte jemand an unsere Tür und fragte, was wir brauchen und ob er uns helfen könne.“

 

Es geht um Hilfen und Freundschaft im Alltag

Das Erlebnis hat die Studentin nicht vergessen. Deshalb hat sie sich entschlossen, beim Familienpaten-Projekt der Pfarrei St. Vitus mitzumachen. Ein Mal pro Woche trifft sie sich mit Nancy, um etwas mit ihr zu unternehmen. Ein Besuch im Museum, Eis essen oder einfach ein Spaziergang – je nachdem, worauf die beiden Lust haben. Auch um Schulfragen kümmert sich Lorin Ismail bei Bedarf und hilft bei den Hausaufgaben. Seit den Sommerferien geht Nancy in die fünfte Klasse eines Gymnasiums. „Ich bin damals zum Informationsabend der neuen Schule gegangen, weil ihre Mutter da im Krankenhaus war“, erzählt Lorin. „Die Familie hat noch viel Sorgen und Zukunftsängste. Als Patin will ich einen Ausgleich geben.“

Genau darum geht es beim Modell der ehrenamtlichen Familienpatenschaften: Hilfen und Freundschaft im Alltag, damit aus kleinen Sorgen keine großen werden. Seit einem Jahr gibt es das Projekt in der Mönchengladbacher Pfarrei St. Vitus. „Im Oktober begannen wir mit der Qualifizierung von neun Paten, davon übernahmen dann sechs eine Patenschaft“, berichtet Gemeindereferent Wolfgang Mahn. „Wir stellen fest, dass das Engagement beiden Seiten gut tut: Paten und Familien.“

Das können Renate und Günter Stappen nur bestätigen. Die Rentner kümmern sich um siebenjährige Zwillinge. „Wir hatten direkt einen guten Draht zu den Kindern“, erzählt Renate Stappen. „Wir haben Freude mit den Kindern, und die geben uns auch viel.“ Weil sie und ihr Mann viel arbeiteten, hätten sie kaum Zeit für die Kinder, erzählt Thi Tuang Loan Vu, die Mutter der Zwillinge. Zu Hause wird vietnamesisch gesprochen, deshalb waren die Deutschkenntnisse der Kinder anfangs nicht sehr gut. „Sie haben sich geschämt, in der Öffentlichkeit zu sprechen“, sagt ihre Mutter. Durch die großelterliche Freundschaft der Stappens seien die Kinder aufgeblüht.

Gerade Kindern geben solche Patenschaften Stabilität in einer Welt, die für sie unsicher ist. Einen besonders beeindruckenden Fall schildert Eva-Maria Wagner, Fachstelle Familienpatenschaften von SKM und SKF Aachen. Wagner hat das Konzept, mit dem die Verbände im Bistum Vorreiter sind, 2006 mit aus der Taufe gehoben. „Wir haben ein Ehepaar, das sich seit etwa neun Jahren um seine Patenkinder kümmert“, berichtet sie. Zu Beginn der Beziehung hätten die Kinder beim alleinerziehenden Vater gelebt. Doch irgendwann habe sich die familiäre Situation so entwickelt, dass die Kinder vom Jugendamt in einer Einrichtung untergebracht werden mussten. „Die Paten sind an der Seite der Kinder geblieben, besuchen sie regelmäßig und holen sie in den Ferien zu sich“, sagt Wagner. „Sie wurden eine verlässliche Konstante im Leben der Kinder.“

 

Vertrauen ist die Basis für alle Patenschaften

Die Basis für die Patenschaften ist das gegenseitige Vertrauen: Sowohl zwischen Paten und Kindern, als auch zwischen Paten und Eltern. „Es gehört schon etwas dazu, sein Baby einem fremden Menschen mitzugeben“, erinnert sich Doreen Stegmann. Die 32-Jährige hat vor fast zwei Jahren von den Familienpaten gehört. Nach der Geburt von Mila habe man ihr noch im Krankenhaus einen Prospekt des SKF Mönchengladbach in die Hand gedrückt. Ein Segen für die junge Mutter, deren älterer Sohn wegen einer Behinderung viel Aufmerksamkeit braucht. „Ich wollte, dass Mila von Anfang an eine Bezugsperson hat, die ausschließlich für sie da ist“, sagt sie.

Bis der passende Pate gefunden ist, muss Antje Rometsch, SKF-Koordinatorin der Patenschaften, viele Gespräche führen. Mit den Ehrenamtlichen, die Interesse an einer Patenschaft haben, und mit den Familien, die sich Unterstützung wünschen. „Den Familien muss klar sein, dass die Paten keine Haushaltshilfen sind“, sagt sie. Rasen mähen oder putzen seien nicht ihre Aufgaben.

Auf der anderen Seite müssten sich die Paten zum Beispiel mit guten Ratschlägen zurückhalten. Nicht jede Familie sei für das Programm geeignet, sagt Wagner. Bei psychischen Erkrankungen der Eltern, in Messi-Haushalten oder bei Suchtproblematiken seien spezielle Hilfen nötig. „Das kann und soll kein Ehrenamtlicher leisten“, betont Wagner. Dennoch ist die Nachfrage groß: In Aachen stehen seit dem zweiten Jahr stetig 40 bis 50 Familien auf der Warteliste.

 

Zitiert

Als wir im Übergangswohnheim wohnten, klopften Gemeindemitglieder an die Tür und boten ihre Hilfe an.

Lorin Ismail, Patin, zur Motivation für ihr Engagement

 

Zitiert

Als das Jugendamt die Kinder in eine Einrichtung geben musste, blieben die Paten an ihrer Seite. Sie sind eine Konstante.

Eva-Maria Wagner, Fachstelle Familienpaten